2012/10/16

Bollnäs, die amerikanische Stadt Schwedens

Auf Grund seiner geografischen Lage und der Verbindung direkt zur Ostsee ist es logisch, dass die Umgebung des Sees Varpen sehr früh besiedelt war. Selbst im zentralen Bollnäs wurden mehrere Grabhügel und die Fundamente von zwei Häusern aus der Zeit zwischen 200 und 400 nach Christus gefunden, was darauf schließen lässt, dass hier bereits während der Eisenzeit ein Handelsweg entstand.

Das älteste Dokument, das Bollnäs nennt, ist das Ingemunds Testament aus dem Jahre 1312 in dem auch die Kirche von Bollnäs erstmals auftaucht. Aber trotz der relativ großen Kirche sollte über Jahrhunderte hinweg keine Ansiedlung am Ort der heutigen Stadt entstehen und die Kirche diente lediglich als Versammlungsort für alle umliegenden Gemeinden.

Dies änderte sich erst als Georg Henric Collini nach einem achtjährigen Aufenthalt in Amerika nach Schweden zurückkehrte und an der Kirche eine bedeutende Fläche an Land kaufte um dort eine Stadt nach amerikanischem Muster zu bauen. Innerhalb von nur zehn Jahren entstand eine größere Siedlung und als Collini auch noch eine Dampferlinie zwischen Bollnäs und Söderhamn einrichtete, war der Ort bereits zu einer kleineren Stadt geworden, die 1878 auch eine Eisenbahnlinie erhielt. Die erste Industrie, die sich dann in Bollnäs installierte war eine Fabrik, die amerikanische Autos herstellte. Nachdem der neue Ort auch am Fluss Ljusnan lag, dauerte es nicht lange bis sich auch Sägewerke in Bollnäs niederließen und die Bevölkerung von der Anzahl her einer kleineren Stadt entsprach.

Im Jahre 1888 war Bollnäs eine eigene Gemeinde geworden, die sich bis 1906 zu einem Köping entwickelt hatte und damit die Marktrechte erhielt. 1942 wurde der Ort dann mit Björkhamre, das ebenfalls ein Köping war, zusammengelegt und Bollnäs erhielt die Stadtprivilegien, die erst mit der Reform im Jahre 1971 endeten, als sämtliche Städte Schweden den Titel Stadt verloren und nur noch als Zentralort bezeichnet wurden.

Auch wenn Bollnäs für viele nur das Zentrum ist um das Hälsingland und vor allem die Hälsingegårdar zu besuchen, so sollte man nicht an den Sehenswürdigkeiten der Stadt achtlos vorbeigehen, denn auch wenn die Stadt vom Aussehen her nicht zu den typischen schwedischen Städten gehört, so ist die Kirche aus dem 14. Jahrhundert ein Glanzstück des Ortes, zumal der Altarschrank und zahlreiche Skulpturen aus dem Mittelalter erhalten blieben, da diese Kirche nie abbrannte wie so viele andere Kirchen in Schweden, die immer von Holzhäusern umgeben waren.

Zu den Sehenswürdigkeiten in  Bollnäs gehört auch der Hembygdsgården Kämpens, ein sehr gut erhaltener Hälsingegård aus dem 16. Jahrhundert, also ein Bauernhof von hohem kulturhistorischem Wert. Auf dem Gut werden regelmäßig rund 100 verschiedene Kartoffelsorten angebaut und zu Mittsommer und dem schwedischen Nationaltag finden hier auch die Feierlichkeiten statt.

Das Museum in Bollnäs mit angeschlossener Kunsthalle bietet insbesondere temporären Ausstellungen zu regionaler Kunst und Kunsthandwerk und hat sich auf die lokale Kunst des Hälsinglands spezialisiert. Die Stadt bietet jedes Jahr sieben aufeinander folgende Ausstellungen hoher Qualität.

Etwa 20 Kilometer nördlich von Bollnäs liegt der Hälsingegården Gästgivars, der von der UNESCO als Weltkulturerbe aufgenommen wurde und bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Interessant sind hier vor allem die Malereien von Jonas Wallström im Hauptgebäude. Der Hof entwickelt sich allerdings immer mehr zu einer touristischen Verkaufsstelle, was allerdings nötig ist um die hohen regelmäßigen Restaurationskosten tragen zu können.

Etwa 13 Kilometer nordöstlich von Bollnäs liegt Växbo mit dem Unternehmen Växbo Lin, eine der letzten Firmen Schwedens, die noch mit Flachs (Lein) weben. Die Fabrik organisiert im Sommer täglich eine Führungen, die es dem Besucher erlaubt noch die alte Kunst des Flachswebens aus nächster Nähe zu erleben.

In den letzten Jahren wird auch der kleine Ort Segersta, der etwa 20 Kilometer südöstlich von Bollnäs liegt zu einem Anziehungspunkt, allerdings nicht wegen der Kirche aus dem 13. Jahrhundert, sondern weil hier Teile des Films The Girl with the Dragon Tattoo eingespielt wurden, ein Film, der auf die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson aufbaut. Sehenswert ist in Segersta auch der Nils-Persgården, ein etwas zusammengestückelter Bauernhof aus dem 18. Jahrhundert in dem man ein kleines Museum mit der Geschichte der Holzindustrie Schwedens findet.

Copyright: Herbert Kårlin

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