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2012/10/23

Visby, die mittelalterliche Stadt Schwedens

Visby, die größte Stadt Gotlands und ein UNESCO Weltkulturerbe, ist die Stadt Schwedens, in der man das Mittelalter am deutlichsten spüren kann, nicht zuletzt auch wegen der 3,4 Kilometer langen Stadtmauer, die heute noch ein Symbol Visbys ist. Geschichtlich gesehen war Visby ein alter Kultplatz auf dem sich langsam eine Stadt entwickelte. Die ältesten Funde gehen hier bis etwa 700 nach Christus zurück,  was einerseits bedeutet, dass Visby nicht die älteste Ansiedlung auf Gotland war, andererseits aber auch die Aussage zulässt, dass sie mit dem steigenden Handel ab der Zeit der Wikinger eine immer größere Bedeutung auf der Insel erlangte.

In Visby entstand vermutlich gegen Mitte des 11. Jahrhunderts die erste Kirche auf Gotland, die auf einem vorchristlichen Opferplatz erbaut wurde um die Macht des neuen Gottes zu demonstrieren. Gleichzeitig stellte diese Kirche jedoch auch eine gewisse neutrale Zone für alle Kaufleute dar, die um diese Zeit in Visby Halt machten. Bereits lange Zeit bevor die Hanse einen Einfluss in Visby gewann, hatte der Ort bereits nachweislich Handelsverträge mit Schweden, mit Dänemark und mit Russland.

In diesem Rahmen muss man auch sehen, dass Gotland erst sehr spät Teil des schwedischen Reiches wurde, sondern sehr lange eine gewisse Selbständigkeit bewahrte, die sich an eigenen Gesetzen, den Gutalagen, ausdrückte, aber auch an einer eigenen Sprache, die sich erheblich vom Urschwedischen unterschied. Auch die Vorgeschichte Gotlands weicht in vielen Punkten von der schwedischen Geschichte ab.

Auch wenn man bei der Ankunft in Visby unmittelbar in die mittelalterliche Atmosphäre der Altstadt mit der Ringmauer eintauchen möchte, so ist es sinnvoll, sich zuerst ein wenig mit der Entwicklung und der Geschichte Visbys auseinanderzusetzen und einen Besuch im Gotlands Museum zu planen, da  man nach dem Besuch der verschiedenen Ausstellung weitaus mehr von Gotland verstehen wird als bei einem unmittelbaren Besuch der historischen Sehenswürdigkeiten.

Wenn man dann während der kulturellen Wanderung durch Visby unruhige Kinder bei sich hat, so bietet sich ein Abstecher in das Science Center Gotland, denn hier wurde nicht nur die Geschichte des Wissens zusammengetragen, sondern Kinder können hier auch spielerisch zahlreiche Experimente anschaulich nachvollziehen.

Wer sich mehr für die Verteidigung Schwedens und insbesondere jener Gotlands interessiert, kann natürlich auch einen Blick in das FörsvarsMuseum in Visby werfen, das vor allem die letzten hundert Jahre der nordischen Verteidigung näher bringt, aber mit Themenausstellungen auch weiter in die Vergangenheit zurückgeht.

Das Kunstmuseum auf Gotland ist vor allem deswegen einzigartig in Schweden, weil hier weniger ein Schwerpunkt auf allgemeine Kunst oder auch nordische Kunst gelegt wird, sondern das Museum sich auf Künstler Gotland und Kunst, die Gotland zeigt, spezialisiert hat. Die Gemälde der gotländischen Künstler sind überwiegend aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert.

Visby bietet für seine knapp 23.000 Einwohner ein reiches Angebot an weiteren Museen, denn nur vier Kilometer von der Stadt entfernt liegt da Museum mit Veteranenautomobile und etwas weiter entfernt stößt man auch auf eine landwirtschaftliches Museum das Eisenbahnmuseum Gotlands und zahlreiche andere Museen oder Ausstellungsräume.

Um die rund 150 mittelalterlichen Häuser Visbys zu finden, muss man nur durch die Altstadt spazieren, denn dem Scharm dieser Häuser kann man kaum entkommen, wobei man dabei natürlich daran denken sollte, dass alle Häuser hervorragend restauriert wurden und heute vermutlich sogar weitaus romantischer wirken als im Mittelalter. Und man sollte auch daran denken, dass auf Gotland auch im Mittelalter bereits weniger in Holz gebaut wurde als auf dem schwedischen Festland.

Am meisten beeindruckt in Visby die sieben Meter hohe Stadtmauer mit ihren 27 erhaltenen Türmen und den verschiedenen Toren, die alle einen eigenen Namen haben und auch eine bestimmte Funktion erfüllten. Diese Stadtmauer wurde als solches bereits 1288 fertig gestellt, fordert nun aber erneut einige dringende Reparationen.

Außer den zahlreichen Ruinen an Kirchen, die man in Visby findet, gibt es auch eine Kirche, die noch heute nahezu vollständig aus dem Mittelalter erhalten ist, denn die Domkirche Visbys, die im Jahre 1225 eingeweiht wurde, war eigentlich für deutsche Händler bestimmt, wurde aber im 16. Jahrhundert die allgemeine Kirche Visbys.

Eine etwas makabre Sehenswürdigkeit liegt etwas außerhalb der Stadt im Naturschutzgebiet Galgberget, wo man noch heute die Stelle besuchen kann an der über Jahrhunderte hinweg, und letztmals im Jahre 1845, Straftäter gehängt wurden. Die Pfeiler auf der Mauer, die ursprünglich mit Holzbalken verbunden waren, zeugen noch davon, dass so manches Mal nicht nur eine Person getötet wurde, sondern die Vorrichtung auch für mehrere Personen gleichzeitig ausgerichtet war.

Die größte Grünanlage Visbys ist natürlich der Botanische Garten, der so manchen Besucher erstaunt, da es das Klima und die geschützte Lage Gotlands erlauben auch Feigen, Magnolien und andere Gewächse so hoch im Norden zu zeigen, die man sonst weitaus näher am Mittelmeers erwartet.

Das größte Ereignis Gotlands ist das Mittelalter-Festival (Medeltidsveckan) in der ersten Hälfte im August, das nächstes Mal vom 4. bis zum 11. August 2013 zum 30. Mal ausgetragen wird und mit seinen Ritterspielen die Geschichte Gotlands und insbesondere Visbys um 600 Jahre zurückdreht.

Aber natürlich ist Visby auch ein idealer Ausgangsort um ganz Gotland zu entdecken, wobei man in vielen Fällen mehr sieht, wenn man sich ein Fahrrad mietet statt mit dem Auto auf die Suche nach historischen Sehenswürdigkeiten oder Naturschönheiten zu suchen.

Copyright: Herbert Kårlin

2012/10/02

Eskilstuna, eine finnische Verwaltungsgemeinde im Södermanland

Die Stadt Eskilstuna war bereits vor der Christianisierung Schwedens ein Handelsort, auch wenn es sich damals noch um zwei verschiedene Ansiedlungen handelte, nämlich Tuna und Fors, die noch direkt am Mälaren lagen, da die Landhebungen noch nicht so fortgeschritten waren, und dort der Übergang vom Wasserweg zum Landweg war.

Tuna wurde bereits 1104 in offiziellen Dokumenten genannt und seit dieser Zeite mit der Legende des Heiligen Eskil in Verbindung gebracht, der Ende des 11. Jahrhunderts während seiner Missionsarbeit in Strängnäs ermordet wurde. Geschichtsforscher nehmen an, dass Tuna im Jahr 1266 von Tuna in Eskilstuna verwandelt wurde um die Verbindung zum Heiligen deutlicher zu machen.

Auch wenn die Geschichte Eskilstuna bis Mitte des 17. Jahrhunderts immer wieder Höhepunkte hatte, hier das schwedische Hauptkloster der Johanniter gebaut wurde, Herzog Karl das Schloss Eskilstunahus bauen ließ und letztendlich der Eskilstuna Kanal eine Verbindung zwischen Mälaren und Hjälmaren schuf, so wurden dem Ort mehrmals die Stadtprivilegien versagt. Dies änderte sich erst unter Karl X. Gustav, der aus Eskilstuna eine der größten Industriestädte Schwedens machen wollte. Auch wenn nur etwa 20 Prozent seiner Pläne verwirklicht wurden und die Stadt nie Karl Gustavs Stad hieß, so erlangte der Ort dank dieser Idee im Jahre 1659 die Stadtrechte.

Auch wenn das Kloster der Johanniter im Jahre 1585 abgerissen wurde, damit das Eskilstunahus gebaut werden konnte, das wiederum 1680 vollkommen abbrannte und somit keine Reste der beiden Bauten in Eskilstuna zu finden sind, so ist die Fors Kyrka mit Resten aus dem 11. Jahrhundert noch eine Erinnerung an das Mittelalter und den Heiligen Eskil.

Eskilstuna präsentiert sich dem Besucher in erster Linie als moderne Industriestadt, so dass man sich zuerst auf die Suche nach der Altstadt (Gamla Stan) mit der „Långa Gatan“ (Lange Straße), die eigentlich Köpmansgatan heißt, machen sollte wo man den mittelalterlichen Charakter des Ortes noch am deutlichsten spüren kann. Ein Blick auf die Holzhäuser entlang der Eskilstunaån bleibt ein unvergesslicher Eindruck.

Wer sich etwas mehr mit Eskilstuna auseinandersetzen will, sollte das Eskilstuna Stadsmuseum mit der Faktoriet und den waffentechnischen Sammlungen besuchen, denn hier findet man nahezu alle Erklärungen und Gegenstände, die dem Besucher das Eskilstuna vom 17. Jahrhundert bis heute näher bringen.

Der nächste Weg sollte möglichst zu den Rademachersmedjorna führen, der Stadt der Schmiede, die Karl X. Gustav als Waffenfabrik errichten ließ. Heute sind diese Gebäude mit den verschiedensten Schmieden eine Mischung zwischen Museumsdorf und aktiven Schmieden, die nach alter Tradition arbeiten.

Ebenfalls der Industrie gewidmet ist das Munktellmuseet in Eskilstuna. Hier kann man, unter anderem, der ersten Traktor Schwedens aus dem Jahre 1913 sehen, einen Lastwagen von 1954 und selbst einen Film über die Geschichte Volvos betrachten. Alle Geräte und Fahrzeuge des Museums sind funktionsfähig, was für ein Museum wohl einzigartig ist.

Vor allem im Sommer, und natürlich zu Mittsommer, sind die Sörmlandsgården, ein Museumsdorf aus dem 19. Jahrhundert, ein Erlebnis, da man hier die Leinverarbeitung, das Schafscheren und vieles mehr aus nächster Nähe betrachten kann, und all dies in einem typischen landwirtschaftlichen Gut des Sörmlands (Södermanland).

Wer sich für schwedische Malerei interessiert, wird vom Kunstmuseum in Eskilstuna nicht enttäuscht, denn außer den regelmäßigen temporären Ausstellungen modernen schwedischer Künstler umfasst die Sammlung repräsentative Gemälde schwedischer Künstler vom 17. Jahrhundert bis heute, wobei der Schwerpunkt des Museum beim 20. Jahrhundert liegt und sich auch auf Design und Kunsthandwerk erstreckt.

Um die Vorgeschichte Eskilstunas zu erleben, muss man sich etwas außerhalb der Stadt bewegen, denn hier findet man nicht weniger als drei Vorburgen, nämlich Ogaklev, Stenby und Uvberget, die alle drei von der Bedeutung des Ortes zeugen und beweisen, dass hier bereits 500 nach Christus eine rege Aktivität zu finden war.

Auch ein Ausflug nach Sundby, das rund zehn Kilometer von Eskilstuna entfernt ist, sollte bei einem Aufenthalt in der Stadt eingeplant werden, denn dort findet man außer dem Mälarschloss Sundbyholm, dessen Parkanlage das ganze Jahr über Besuchern offen steht, auch die sogenannten Sigurdsristningen, die nahezu 1000 Jahre alten Runeninschriften, die die Sage von Sigurd Fafnesbane aus der isländischen Edda erzählen, einer der interessantesten historischen Funde im Södermanland.

Aber auch für Kinder hat Eskilstuna etwas zu bieten, nämlich den Parken Zoo, der eine Mischung aus Tiergarten mit Tieren aus aller Welt und Vergnügungspark für die jüngeren Besucher ist, oder das Abenteuerbad Vattenpalatset, das erste Abenteuerbad, das in Schweden geöffnet wurde.

Da Eskilstuna, prozentual gesehen, die größte Anzahl an finnischstämmigen Bewohnern in ganz Schweden hat, wurde der Ort im Jahr 2010 zu einem finnischen Verwaltungsgebiet erklärt, was bedeutet, dass man hier auch mit Finnisch ganz gut zurecht kommt und wichtige Informationen für die Bevölkerung nicht nur in schwedischer, sondern auch in finnischer Sprache existieren.

Copyright: Herbert Kårlin

2012/09/26

Kalmar, der Schlüssel Schwedens

Kalmar gehört mit zu den ältesten Städten Schwedens und hatte bereits zur Zeit der Wikinger eine gewisse Bedeutung als Handelszentrum, auch wenn Kalmar, das im Mittelalter als der Schlüssel Schwedens bezeichnet wurde, mehr wegen der nahen Kämpfe zwischen Dänemark und Schweden und der Kalmarer Union bekannt wurde, als hier ein wichtiger Teil der Geschichte Schwedens geschrieben wurde.

Diese Grenzsituation zu Dänemark, verbunden mit der Bedeutung Kalmars ab dem 12. Jahrhundert, führte auch dazu, dass Kalmar relativ früh befestigt wurde, die ältesten Teile des Schlosses bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts zurückreicht und Kalmar über einen Stadtteil verfügt, der teilweise noch aus dem 17. Jahrhundert stammt.

Renaissance-Schloss in Kalmar

Wer heute Kalmar besucht, auch ohne sich tiefer für die Geschichte der Stadt zu interessieren, findet im Grunde zwei historische Gebiete, die beide in die Ostsee hineinragen und früher sehr schwer zugänglich waren. Zum einen handelt es sich dabei um das Schloss Kalmar, das man über die Gamla Stan (Altstadt) erreichen kann. In diesem Schloss wurden einige der wichtigsten Verträge geschlossen, was jedoch den langsamen Verfall nach dem Frieden von Roskilde kaum aufhalten konnte, hätte nicht Oscar I. sich Mitte des 19. Jahrhunderts entschieden das gesamte Schloss zu restaurieren und ihm das heutige Aussehen zu geben.

Die sogenannte Altstadt Kalmars, die Gamla Stan war das ursprüngliche Zentrum der Stadt, das jedoch bei einem Großbrand im Jahre 1640 nahezu vollständig zerstört wurde. Da dieser Teil der Stadt anschließend nach Kvarnholmen verlegt wurde, nutzten die Bürger Kalmars die unbebaute Fläche um dort ihre Sommerhäuser zu bauen, eine Struktur, die bis heute erhalten geblieben ist und gewissermaßen zu einer Museumsstadt innerhalb der Stadt wurde.

Der zweite wichtige historische Teil Kalmars ist der Stadtteil Kvarnholmen, der heute durch mehrere Straßen mit dem Festland verbunden ist. Dieser Stadtteil entstand nach dem Großbrand im Jahre 1640 und verfügt noch über Teile der Befestigungsmauern und die ältesten Gebäude der Stadt, unter anderem die Domkirche, die 1682 eingeweiht wurde und ein Zeichen des schwedischen Großmachtdenkens jener Epoche ist. Im Inneren der Domkirche findet man zahlreiche Gegenstände aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Auf Kvarnholmen findet man auch das Kalmar Läns Museum, das außer den wechselnden Ausstellung eine Reise zum Kriegsschiff Kronan bietet, einem der mächtigsten schwedischen Schiffe des 17. Jahrhunderts, das 1676 vor Öland explodierte und sank, jedoch 1980 mit über 30.000 Fundstücken geborgen werden konnte. Die zweite Dauerausstellung ist Jenny Nyström gewidmet, dem Mädchen aus Kalmar, das einst nach Paris reiste und später einige der bekanntesten Volksillustrationen schuf, unter anderem den freundlichen Weihnachtsmann.

Aber Kvarnholmen ist auch wegen seiner gesamten architektonischen Schönheit zu besuchen, da hier die schwedische Abreißwut der 60er und der 70er Jahre kaum einen Einfluss hatte, was dazu führte, dass Kvarnholmen der schwedische Stadtteil ist, der heute über die meisten denkmalgeschützten Gebäude Schwedens verfügt und nicht nur Architekten einen Blick in die vergangenen Bau- und Wohnweisen erlaubt.

Eine Besonderheit Kalmars ist auch das letzte noch erhaltene Klapp- och Tvätthus, die öffentliche Wäscherei der Stadt, die seit dem 15. April 1857 von der Allgemeinheit benutzt werden kann um dort Wäsche und Teppiche zu waschen. Noch heute trifft man hier immer wieder einmal jemanden, der die frühere Waschmethode zu schätzen weiss.

Eine der modernsten Sehenswürdigkeiten Kalmars ist die Ölandsbrücke, die es Reisenden möglich macht nördlich der Stadt auf einfachste Weise nach Öland zu kommen und Besuchern der Stadt eine interessante Ausflugsstelle für einen Tag bietet. Als die Ölandsbron im Jahre 1972 eröffnet wurde, war sie mit ihren 6072 Metern die längste Brücke Europas.

Das Kunstmuseum Kalmars, das nach starkem Protest der Bevölkerung im Jahre 2008 ein modernes Gebäude im Stadtpark erhielt, hat  sich auf moderne Kunst und Regionalkunst spezialisiert. Allerdings wurde das Gebäude bekannter als der Inhalt des Museums als es noch 2008 den Kasper Salin Preis erhielt, den begehrtesten Architekturpreis Schwedens.

Die frühere Hochschule von Kalmar wurde 2010 mit der Hochschule in Vaxjö zusammen gelegt und damit zur Linnéuniversitetet, der sich Hultsfred mit seiner Musikausbildung und Nybro mit einer Designausbildung zusätzliche anschlossen. Der Schwerpunkt der Universität Kalmar liegt bei Ökologie, Biologie und Chemie, während Växjö sich auf Geisteswissenschaften und Wirtschaft spezialisierte.

Copyright: Herbert Kårlin